Neue Wege in der Organspende - Jahrestagung der DSO-Region Mitte in Mainz

„Neue Wege in der Organspende“, so lautete der Tenor der diesjährigen Jahrestagung der DSO-Mitte in Mainz. Veranstaltungsort war die Akademie der Wissenschaften und der Literatur.
Die Veranstaltung begann morgens mit einem Workshop für Transplantationsbeauftragte.
Nach dem Mittagessen fanden wissenschaftliche Vorträge und Diskussionen statt, zu denen auch die Selbsthilfeverbände eingeladen waren.
Frau PD Dr. Barreiros, geschäftsführende Ärztin der DSO-Region Mitte, begrüßte am Nachmittag Referenten und Teilnehmer und dankte allen für ihr Engagement im Sinne der Organspende.
Alle politischen Vertreter der 3 Bundeländer Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland befürworteten das neue Bundesgesetz, das Gesundheitsminister Spahn auf den Weg bringen will, um den Organmangel in Deutschland zu beheben.
PD Dr. Mönch, Vorsitzender des Fachbeirats der DSO Region-Mitte, war u.a. sehr angetan vom Dank eines ehemals schwerkranken Menschen, der seinen 10. Jahrestag mit seinem neuen Organ feiern konnte. (s.Foto)

Dr. Rahmel, medizinischer Vorstand DSO, referierte zum Thema „Auf zu neuen Ufern? Was die Gesetzesänderungen und der Initiativplan bedeuten“.

Er nannte Gründe warum es zu wenige Organspenden in Deutschland gibt:

  • Weniger Todesfälle bei Hirnschädigung
  • Geänderte Behandlung am Lebensende
  • Keine IHA („Hirntod“) Feststellung
  • Keine Meldung an die DSO
  • Keine Einwilligung in die Organspende
  • Unzureichendes Spendermanagement
  • Probleme bei der Organentnahme/-Konservierung
  • Keine Akzeptanz/Transplantation entnommener Organe

Zunächst sollen die Transplantationsbeauftragten (TxB) wesentlich gestärkt werden. Der Entwurf des 2. Gesetzes TPG sieht Folgendes vor:

  • Freistellung (0,1 Stellen je 10 ITS-Behandlungen)
  • Für jede ITS (Intensivstation) soll ein TxB bestellt werden
  • Die Freistellung wird vollständig refinanziert
  • Die korrekte Mittelverwendung durch die Entnahmekrankenhäuser ist nachzuweisen.

Die Rolle des TxB wird deutlich gestärkt.

  • TxB sind auf der ITS hinzuzuziehen, wenn Patienten als Organspender in Betracht kommen.
  • TxB erhalten Zugangsrecht zur ITS
  • TxB sind alle erforderlichen Informationen zur Auswertung des Spendenpotentials zur Verfügung zu stellen.

Auch die Entnahmekrankenhäuser sollen eine angemessene Vergütung erhalten und durch qualifizierte Ärzte unterstützt werden. Konsilärzte werden von der DSO vermittelt und erhalten eine Aufwandsentschädigung. In vielen Regionen gebe es noch zu wenig Ärzte. In Zukunft soll eine neurologische/neurochirurgische Rufbereitschaft eingerichtet werden. Diese sollen auch durch die GKV und PKV finanziert werden. 

Prof. Dr. Bein vom Uniklinikum Regensburg stellte die Frage „Therapieziel Organspende – obligat oder obsolet? (notwendig oder überflüssig).
Ein Therapieziel sei das angestrebte Ziel einer Behandlung. Ziel ist Heilung, Lebensverlängerung, verbesserte Lebensqualität, Symptomlinderung, würdevolles Sterben.
Eine ärztliche Verpflichtung bestehe nicht in jedem Fall. Grundvoraussetzung ist der Wille des Patienten. Eine Therapieänderung bedeutet z.B. Verzicht auf zusätzliche Maßnahmen wie Dialyse, Verzicht auf bestehende Maßnahmen, Reduktion bestehender Maßnahmen und Beendigung bestehender Maßnahmen sowie Organprotektion zur Ermöglichung einer Organspende.
Es würde immer schwieriger den Hirntod zu prognostizieren.
Das Therapieziel Organspende erfordere die Thematisierung vor dem eingetretenen Hirntod.

Dr. Godau und Mathias Drabsch vom Klinikum Kassel, beide Transplantationsbeauftragte, berichteten über ihre Erfahrungen mit dem „DSO-Transplantcheck-Hands on“
( Mithilfe einer neuen Software zur Spendererkennung auf Intensivstationen kann hiermit eine solide Datengrundlage geschaffen werden: Sie ermöglicht eine rückblickende Analyse der potenziellen Spender auf deutschen Intensivstationen. Die kostenlose Software Transplantcheck funktioniert webbasiert, d.h. ohne Installation und ist einfach in der Anwendbarkeit. Die Patientendaten werden sofort nach der Anwendung wieder gelöscht , Quelle DSO).
Der Transplantcheck würde ihre Arbeit sehr erleichtern. Die Vorteile liegen in einer deutlichen Zeitersparnis, kein Übertragen der Daten auf Erhebungsbogen, sei anwenderfreundlich und kostenfrei. 

Frau Dr. Greif-Higer, Geschäftsführerin des Ethikkomitees Unimedizin Mainz, nahm sich dem Thema „Patientenverfügungen: Wie groß ist der Einfluss auf die Organspende?“ an.

Das Problem mit der Patientenverfügung sei nicht das Instrument als solches, sondern die Umsetzung.

  • Die meisten Patientenverfügungsdokumente sind inhaltlich von schlechter Qualität.
  • Viele Betroffene kennen nicht die relevanten und erforderlichen Inhalte und auch nicht die Funktion, Möglichkeit und Grenzen einer Patientenverfügung
  • Angehörige/Bevollmächtigte und Betreuer sind häufig bei der Umsetzung überfordert
  • Die meisten Ärzte haben zu wenig Wissen bezogen auf Inhalte, Umsetzung, Interpretation und Auslegung von Patientenverfügungen
  • Auch Notare, Juristen incl. Betreuungsrichter sind oft nicht sicher in der Thematik.

Die Folgen seien formale und inhaltliche Fehler, Unsicherheit und defensive Entscheidungen bei Ärzten, hohe Verunsicherung und „kämpferisches Verhalten“ bei den Angehörigen/Bevollmächtigten und Entscheidungen, die weder dem Willen des Betroffenen noch seinem Besten entsprechen.
Nach der Willensdarstellung in einer Patientenverfügung kann festgelegt werden, dass lebensverlängerte Maßnahmen dann beendet werden sollen, wenn bestimmte Erkrankungssituationen auftreten. Diese gehen oft der Entwicklung des „Hirntodes“ voraus. Die Folge seien, dass Behandlungen oft beendet werden, bevor der irreversible Hirnfunktionsausfall eintrete.
Es sollten unbedingt Passagen zur Frage der Organspende aufgenommen werden.

Dr. Niesen vom Uniklinikum Freiburg beschäftigte die Frage:“ die infauste Prognose- evidenz – oder eminenzbasiert (beweisgestützte Medizin)?“ Die infauste Prognose bedeutet, dass der Zustand des Patienten eine Heilung nicht ermöglicht und mit dem Tod zu rechnen ist.
Die  Gefahr einer Falschdiagnose beim irreversiblen Funktionsausfall des Gehirns (IHA) muss so gering wie möglich gehalten werden. Dabei wird in der höchst sensiblen Hirntod-Diagnostik aktuell vor allem auf die Erfahrung der behandelnden Mediziner gesetzt.
Die IHA-Diagnostik ist unabhängig von einer danach medizinisch möglichen Organ- oder Gewebeentnahme durchzuführen. Dazu sagt die Richtlinie: „ Die Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfall ist ein für die Intensivmedizin unverzichtbares Instrument der Prognoseeinschätzung für weitere Therapieentscheidungen, unabhängig von der Frage einer Organ- oder Gewebespende“.
Erst mit sicherer Prognoseevaluation und IHA- Prädikation kann der fundierte Patientenwillen eingeholt werden.
Aufgrund der zunehmenden Unsicherheit der Angehörigen sei eine IHA-Diagnostik auch als Prognosetool sinnvoll. 

Der letzte Vortrag lautete: „ Der potentielle Organspender an der ECMO“. Referent war Dr. Söffker vom Uniklinikum Hamburg.

ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung) ist eine intensivmedizinische Technik, bei der eine Maschine teilweise oder vollständig die Atemfunktion von Patienten übernimmt. Sie wird angewendet bei Patienten, deren Lungen schwer geschädigt sind und den Gasaustausch nicht mehr in dem Maß ermöglichen, um die Atemfunktion sicherzustellen. 

 

Dr. Chr. Mönch, Fr. Dr. Barreiros und Prof. Dr. Bein

Text und Fotos: Mariele Höhn

Kontakt

Lebertransplantierte Deutschland e.V.
Montag - Donnerstag 10:00 bis 15:00 Uhr 

Telefon: 02302/1798991
Fax: 02302/1798992

E-Mail: geschaeftsstelle(at)lebertransplantation.de

Mitmachen - Mithelfen

Sie möchten Mitglied werden?
Hier gehts zur Beitrittserklärung

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen?
Hier können Sie spenden

Mein Ausweis meine Entscheidung