Gab es Regelverstöße bei der Organvergabe in Essen?

Gab es Regelverstöße bei der Organvergabe in Essen?

In der Presse wird auf mögliche Unregelmäßigkeiten bei der Wartelistenführung bei der Lebertransplantation zwischen 2012 und 2015 am Uniklinikum Essen hingewiesen. Wir hatten alle gehofft, dass nach der flächendeckenden Prüfung der Jahre 2010 bis 2012 nun Ruhe einkehrt, was für die Organspendesituation in Deutschland dringend notwendig wäre. Nun hat die Prüf- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer ihre Ergebnisse aktueller Prüfungen veröffentlicht und Verstöße gegen die Richtlinie zur Wartelistenführung in Essen festgestellt. Das Klinikum hat eine Gegendarstellung veröffentlicht. Es gab auch eine Pressekonferenz zum Thema.
In Deutschland gibt es transparente Richtlinien und Überprüfungen, ob diese korrekt angewandt werden. Falls das Klinikum bewusst oder leichtfertig Fehler gemacht hat, wird es dazu stehen (müssen). Es ist sicher auch nicht leicht für ein Zentrum die sich immer wieder wandelnden, komplexen Richtlinien bei wechselnder ärztlicher Besetzung optimal im Blick zu haben - aber dennoch unabdingbare Vorrausetzung für jedes Transplantationsprogramm! Gerade in den heutigen Zeiten des massiven Organmangels müssen sich im Sinne der Solidarität alle Zentren an die verpflichtend bindenden Richtlinien halten. Eine solche Überprüfung kann auch ein Hinweis auf die wichtige Bedeutung entsprechender Schulungen in den Zentren sein. Auch Nachregelungsbedarf für die Richtlinienüberarbeitung kann sich daraus ergeben.
Unabhängig von der abschließenden Einordnung der Prüfergebnisse und der Gegendarstellungen sollten wir alles daran setzen und die Mitmenschen davon überzeugen, dass gerade die Wartelistenpatienten schwer getroffen werden, wenn sich die Menschen aufgrund der aktuellen Meldungen in der Presse von der Organspende abwenden. Im Gegenteil muss es heißen: Organspende natürlich - Gerade jetzt!
Denn in Zeiten gravierenden Organmangels dürfen nicht die Patienten in ganz Deutschland durch die Diskussionen über den Umgang mit den Richtlinien an einzelnen Zentren getroffen werden.
Wer sich selbst näher mit der Materie beschäftigen möchte, findet im Folgenden den Link zur gültigen Richtline (aktualisiert veröffentlicht am 16.6.2017 im Dt. Ärzteblatt –Die Aktualisierung bezieht sich auf die Standard Exceptions bei NET – Neuroendokrine Tumoren als Indikation zur LTx), zum Prüf-Bericht über Essen und zu der Gegendarstellung sowie zu einer Veröffentlichung des Dt. Ärzteblattes.


http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/RL/RiliOrgaWlOvLeberTx20170616.pdf


http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Transplantation/KB_GESTP_Le_mG_2016-05-09-10-12-12-13_final_schwarz.pdf

https://www.uk-essen.de/Leber-TX/Gegendarstellung.pdf

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/76451/Streit-um-Lebertransplantationen-Uniklinik-Essen-erwaegt-Klage

Jutta Riemer, Vorsitzende

 

Was sagt die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) dazu?

Aus aktuellem Anlass muss folgende Mitteilung gemacht werden:
 
Am 16.06.2017 hat die Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) in gemeinsamer Trägerschaft von Bundesärztekammer, GKV-Spitzenverband und Deutscher Krankenhausgesellschaft erste Berichte über 10 Prüfungen der 2. Runde verschiedener Transplantationsprogramme an verschiedenen Zentren veröffentlicht (Zeitraum 2013 bis 2015) (http://www.bundesaerztekammer.de/presse/pressemitteilungen/news-detail/pruefgremien-legen-berichte-vor/)
Die Prüfung fast aller begutachteten Transplantationsprogramme verlief ohne Anhalt auf systematisches Fehlverhalten.
Bei der Prüfung des Lebertransplantationsprogramms des Universitätsklinikums Essen wurden bedauerlicherweise Unregelmäßigkeiten festgestellt, die von der PÜK aufgrund der Art und Häufigkeit nicht als Versehen, sondern als ein bewusstes und systematisches Fehlverhalten gewertet wurden (http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Transplantation/KB_GESTP_Le_mG_2016-05-09-10-12-12-13_final_schwarz.pdf).
In diesem Bericht nennt die PÜK in einer Vielzahl von Fällen wiederholte Unregelmäßigkeiten der richtlinienkonformen Bewertung von hepatozellulären Karzinomen (HCC) gemäß der Mailand-Kriterien, der Abklärung/Einhaltung der von der Richtlinie vorgegebenen Alkoholkarenz vor Lebertransplantation und bei der Handhabung von gegenüber Eurotransplant (ET) angegebenen und nachträglich geänderten Empfängern im Rahmen der Allokation im sog. Rescue-Verfahrens.
Der Wortlaut dieses und der anderen Berichte ist unter den angegebenen Links nachzulesen, ebenso die zugehörige Pressemeldung des Universitätsklinikums Essen, die am Ende wiederum einen Link zu einer 177 Seiten umfassenden Gegendarstellung des UK Essen enthält, welche der Wertung der PÜK in aller Entschiedenheit widerspricht.
Die Pressemeldung des UK Essen könnte so interpretiert werden, dass von deren Verfassern weder die Instanz der PÜK („….verfasst von einer irregulären Kontrollinstanz…..“) noch die Richtlinienkompetenz der Bundesärztekammer als verbindlich angesehen werden („…Selbst wenn man die einschlägigen Richtlinien der Bundesärztekammer als verbindliche Vorgaben akzeptiert…“).
Namens der DTG muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die Mitgliederversammlung der DTG nach vorangegangener ausführlicher und öffentlicher Diskussion anlässlich der 22. Jahrestagung in Frankfurt im Oktober 2013 den DTG-Transplantationskodex beschlossen hat. Wörtlich heißt es in diesem: „Organaustausch und Organvermittlung sind gesetzlich und durch die Richtlinien der Bundesärztekammer festgelegt. Die DTG betont die Notwendigkeit, sich strikt an diese Regelungen zu halten und lehnt Manipulationen der Angaben zur Warteliste ausnahmslos ab. …“ (§8 des Kodexes).
Wir stellen mit großem Bedauern fest, dass die nach klaren und transparenten Regeln neu aufgestellte deutsche Transplantationsmedizin nicht zur Ruhe kommen kann, solange sich nicht alle beteiligten Kolleginnen und Kollegen in den Transplantationszentren gleichermaßen an entsprechende ärztliche Selbstverpflichtungen halten.
 
Prof. Dr. med. Christian Hugo
Generalsekretär

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Lebertransplantierte Deutschland e.V.
Montag - Donnerstag 10:00 bis 15:00 Uhr 

Telefon: 02302/1798991
Fax: 02302/1798992

E-Mail: geschaeftsstelle(at)lebertransplantation.de

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